30 Jahre Nordstadt
Geschichte eines jungen Stadtteils
… geboren am 1. Januar 1996 als jüngster Karlsruher Stadtteil, entstanden durch den Zusammenschluss zweier sehr unterschiedlicher Gebiete.
Barbara Maidel-Türk (Stand Juli 2026)
Am Anfang war die Hardtwaldsiedlung
Die Hardtwaldsiedlung, zwischen Erzberger- und Franz-Lust-, Moltke- und Alfons-Fischer-Alle gelegen, wurde ab 1919 bis in die 1930-er Jahre in den Hardtwald östlich des damaligen Exerzierplatzes hinein gebaut. Die meisten Ein- und Mehrfamilienhäuser wurden von der 1919 gegründeten „Genossenschaft der Bauhandwerker“, die sich 1926 in „Gemeinnützige Baugenossenschaft Hardtwaldsiedlung Karlsruhe e. G.“ (HWS) umbenannte, errichtet. Zeitgleich bauten zwei andere gemeinnützige Genossenschaften in der Karl-Schrempp-Straße die sog. „Beamten-“Reihenhäuser für Landesbedienstete und für aus Elsass-Lothringen vertriebene „Auslandsdeutsche“ und in der Friedrich-Wolff-Straße Wohnungen für Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene.
Charakteristisch für die gesamte Siedlung sind die lang gestreckten Gärten, die zur Selbstversorgung durch Gemüseanbau und Kleintierhaltung gedacht waren. Daher stamen die Mist-Wege zwischen den Hintergrenzen der Grundstücke. Zum Siedlungskonzept gehörten auch Einkaufsmöglichkeiten: das „Konsum-Kaufhaus“ in der Knielinger Allee mit den dominanten Säulen (heute zum Wohnen genutzt) sowie Ladengeschäfte (Metzger, Woll- und Weißwaren, Friseur) in den Eckhäusern Damaschkstraße/ Knielinger Allee. Außerdem wurde an der Friedrich-Blos-Straße ein Kinderspielplatz mit großem Planschbecken angelegt.
Die 1892 fertig gestellten Bauten der Preußischen Kadettenanstalt (heute Sitz der Oberfinanzdirektion) sowie der 1987 eingeweihten Grenadierkaserne an der Moltkestraße, die ebenfalls zur heutigen Nordstadt zählen, wurden nach dem 1. Weltkrieg mehrheitlich für Verwaltungszwecke umgenutzt. Die Schwimmhalle an der Grenadierstraße jedoch wurde 1924/25 zum katholischen Gotteshaus Herz-Jesu mit kleinem Glockenturm und angeschlossenem Kindergarten umgebaut. Von den Bombardierungen im 2. Weltkrieg blieben die Siedlung und das Kirchengebäude nicht unverschont, dieses konnte jedoch notdürftig weiter genutzt werden. 1945 allerdings mussten wegen Beschlagnahme durch die französischen Streitkräfte die Gottesdienste kurzzeitig im Konsumgebäude abgehalten werden, die Ladentheke wurde zum Altar. In den 50-er Jahren erhielt die Herz-Jesu-Kirche nach umfangreichen Renovierungs- und Umbauarbeiten schließlich ihr heutiges Gesicht.
Die ursprünglichen Pläne, die Hardtwald-Siedlung nach Norden hin mit einer zweiten halb-kreisförmigen Straße als Pedant zum Waldring auszuweiten, fielen schon früh dem Ausbau des Luftverkehrslandeplatzes im Süden des Exerzierplatzes zum Opfer. Bereits 1909 war hier eine Ankerstelle für Zeppeline eingerichtet worden, ab 1925 fand ein regelmäßiger Flugbetrieb statt, dessen Infrastruktur sich zunächst sich auf der westlichen Seite bei der Telegraphenkaserne befand. Ab 1935 wurde für militärische Zwecke an der Hindenburgstraße (später Erzbergerstraße) das heute noch stehende Ensemble mit Reichssportfliegerschule, dem Empfangsgebäude mit Tower, der Flughafenverwaltung mit Gaststätte sowie ein Hausmeistergebäude errichtet. Der zivile Luftverkehr (zeitweilig wurden 39 Städte im In- und Ausland angeflogen) wurde bald darauf eingestellt. Nach Ende des Krieges wurden die Flughafengebäude größtenteils zum Wohnraum umgenutzt, das mittlerweile durch einen Neubau ersetzte „Flughafencasino“ war jedoch bis vor einigen Jahren noch als Restaurant in Betrieb.
Nördlich davon wurde die „Badisch-Pfälzische Flugzeugreparaturwerft“ angesiedelt. 1947 zog hier ein Maschinenbauunternehmen ein, dem 1954 die Heinkel Motorenbau GmbH folgte, die hier die seinerzeit beliebten Heinkel-Tourist-Motorroller montierte. Ab 1962 wurde die Fertigung von Flugzeugteilen und baugruppen aufgenommen. Der Hochbunker an der Erzbergerstraße (errichtet 1941) sollte dem Schutz der Bevölkerung und des Personals des damals militärisch genutzten Flugplatzes bei Luftangriffen dienen.
1948 begannen die Instandsetzung der im Krieg beschädigten Wohnungen sowie der Wiederaufbau einiger ganz zerstörter Häuser in der Gustav-Binz-Straße. Die Siedlung wuchs ab 1950 bis in die 60-er Jahre hinein beträchtlich durch die angesichts der Wohnungsnot östlich der Erzbergerstraße erfolgte rasche Bebauung. Das städtebauliche Konzept schrieb hierfür eine „schonende Waldrodung mit parkähnlicher Wohneinbindung“ vor. Dazu wurden zunächst im südlichen Teil von der „Gemeinnützigen Genossenschaft der Eigenwohner“ mehrere Zeilenhäuser hochgezogen, daran schlossen nach Norden die Blocks der „Parkring-Genossenschaft“ an, die später mit der HWS fusionierte. Auf dem Areal eines ebenfalls im Krieg angelegten Löschteiches Ecke Roggenbach-/Moltkestraße entstand Mitte der 50-er Jahre ein modernes Wohn- und Geschäftshaus mit mehreren Läden und Konditorei /Cafe. Komplettiert wurde der neue Siedlungsteil durch Mehrfamilienhäuser der HWS in der Von-Beck-Straße sowie eine kleine Ladenzeile mit Büros an der Ecke Erzberger/Michiganstraße.
In den 60-er Jahren wurde der westliche Teil um eingeschossige Bungalows und Reihenhäuser in der nördlichen Damaschkestraße sowie einen Ladenneubau neben dem „Kaufhaus“ ergänzt. In die ehemalige Grenadierkaserne zog 1951 eine französische Flak-Abteilung ein, das „Quartier Géneral Pagezy“ blieb bis 1991 bestehen. 1971 wurde schließlich an der Knielinger Allee als jüngster Komplex die neue Synagoge der Jüdischen Kultusgemeinde, ein sechseckiger Zentralbau mit angefügtem Kubus für Büros sowie einem Festsaal im Souterrain, eingeweiht.
Ein neuer Stadtteil entsteht
Der flächenmäßig größere Teil der Nordstadt, die sog. Amerikaner- oder kurz „Ami“-Siedlung getauft, umfasst das Gebiet östlich der Erzbergerstraße zwischen Michiganallee und der Straße Am Wald sowie das sog. „C-Areal“ westlich der Erzbergerstaße zwischen New-York- und Floridastraße.
Bereits 1901 war an der jetzigen Kreuzung Kanalweg/Linkenheimer Landstraße vom wohl ältesten Verein der Stadt, der „Schützengesellschaft 1721 e.V,“ ein Vereinshaus mit Schießanlage errichtet worden. Westlich davon wurde im Rahmen der deutschen Wiederaufrüstung 1938 mitten im Wald am Kanalweg die „General-Forstner-Kaserne“ erbaut. Nach 1945 waren dort zeitweise bis zu 1.700 im Laufe des 2. Weltkrieges verschleppte Zwangsarbeiter, vor allem aus Polen und der Sowjetunion, untergebracht. 1947 zog die US-Armee in die Kaserne, nunmehr „Smiley Barracks“ benannt, ein und legte auf dem Gelände des 1945 geplünderten und später abgerissenen Schützenhauses Sportanlagen für ihre Angehörigen an.
Parallel zur Bebauung der südlichen Erzbergerstraße zur Behebung der Wohnungsnot begann ab dem Frühjahr 1950 der Bau einer Wohnsiedlung für die in der ganzen Stadt verstreuten amerikanischen Soldaten und ihre Familien (ausgelegt für 5000 Bewohner). Ausschlag gebend für die Entscheidung der US-Armee, diese östlich der Erzbergerstraße in den Hardtwald hinein zu bauen, war die Nähe des Flugplatzes und der Smiley Barracks. Mit der Bauleitung betraut war die junge Architektengemeinschaft Backhaus & Brosinsky, die später für zahlreiche Bauten der Moderne verantwortlich zeichnete, u. a. für die oben genannte neue Synagoge.
Zunächst wurden zwischen der ehemaligen Dunkelallee (nun Michiganstraße) und dem Kanalweg in Rekordzeit 15 Wohnblocks, angeordnet in U-förmigen Karrees, hochgezogen. Bereits um die Jahreswende 1950/51 waren die ersten Wohnungen bezugsfertig. In den Jahren danach wuchs trotz deutscher Proteste die Siedlung immer weiter in den Hardtwald hinein, weitere Wohnblocks zu beiden Seiten des westlichen Kanalwegs, an den großzügig angelegten Erschließungsstraßen Rhode-Island-, Tennessee-, Kentucky- und an damaligen Vermont-Avenue folgten. Komplettiert wurde sie 1956 mit der Fertigstellung von 18 Doppelhäusern und einigen Einzelvillen im Waldstück zwischen Kanalweg und Linkenheimer Landstraße (heute Willy-Brandt-Allee) für die Familien der ranghöheren Offiziere.
Das neue Viertel hieß inzwischen offiziell nach einem amerikanischen Nationalhelden des
Unabhängigkeitskriegs „Paul Revere Village“. Im Karlsruher Volksmund blieb es jedoch bei „Ami-Siedlung“. Über die Ausstattung der Wohnungen erzählte man sich allerhand Märchenhaftes. Tatsächlich waren sie im Vergleich zu den Nachkriegsbauten für die deutsche Bevölkerung äußerst großzügig geschnitten und ausgestattet.
Aber nicht nur Wohnhäuser wurden gebaut. Nach und nach entstand eine eigene Infrastruktur. Im Herbst 1952 zogen die ersten Schüler in die 2-stöckige „Elemantary School“ an der Rhode-Island-Avenue ein, die schon bald um einen Anbau und zahlreiche Baracken erweitert werden musste. 1983 entstand schließlich an der Tennessee-Avenue ein neuer hochmoderner Schulkomplex mit High-School, Sporthalle, einer auch für Veranstaltungen nutzbaren Mensa, Kindergarten, Jugendzentrum und weitläufigen Sport- und Spielanlagen.
Zur Versorgung der Soldaten und ihrer Angehörigen wurde 1954 der legendäre PX-Einkaufsmarkt inklusive Snackbar, Friseur und Schneiderei im C-Areal eröffnet. Eine eigene Bank, eine US-Poststelle, ein Buchladen, eine Tankstelle mit Reparaturwerkstatt (die Benzin in Gallonen ausgab) vervollständigten das Versorgungszentrum. Etwa zeitgleich wurde gegenüber das Kino „Minute Man“ eröffnet und neben der Schule eine überkonfessionelle Kirche eingeweiht. Für die Freizeitgestaltung gab es unter anderem das Offizierskasino an der Michiganstraße (am Ort der heutigen FächerResidenz), später den NCO-Club (Non Commissioned Officers = Unteroffiziere bzw. Feldwebel) im C-Areal, sowie zahlreiche Sportstätten („gymnasiums“), eine Bowlinghalle und jede Menge Sportplätze.
Die Schützengesellschaft 1721 konnte 1953 im Tausch für ihr beschlagnahmtes Grundstück ein anderes nördlich des Adenauerrings zwischen der Linkenheimer Landstraße und der Kurzen Allee erwerben. Das neue Schützenhaus wurde dort am 1. Juni 1957 eröffnet.
Der von der US-Armee 1945 beschlagnahmte Alte Flugplatz wurde erst in den späten 50-ern im Zeichen des Kalten Krieges reaktiviert und mit Tower, neuen Hangars und moderner Technik ausgestattet. Die frühen Pläne der Stadt, auf dem Gelände einen komplett neuen Stadtteil hochzuziehen, lagen damit zunächst auf Eis.
Als letzte Bauten für die US-Armee wurden 1989 an der Erzbergerstraße noch eine ambulante Klinik mit integrierter Zahnklinik und der große Kindergarten am Ende der Vermont-Avenue (heute Kentuckyallee) errichtet
Ein neuer Stadtteil entsteht
Bereits im Februar 1994 teilte die US-Armee ihre Absicht mit, das Paul Revere Village samt allen Wohnungs- und Versorgungseinrichtungen aufzulösen. Im Frühjahr 1995 verließen die letzten Militäreinheiten Karlsruhe. Am 1. Januar 1996 war es dann so weit: Mittels Amtsbeschluss wurde der 27. Karlsruher Stadtteil Nordstadt durch die Zusammenlegung der ehemaligen Kasernen an der Moltkestraße, der Hardtwaldsiedlung, der östlichen Hälfte des Alten Flugplatzes, der Amerikanersiedlung und eines kleinen Teils des südlichen Wildparks gebildet.
Bereits kurz davor war die Berufsakademie Karlsruhe (seit 2009 Duale Hochschule Baden-Württemberg) mit damals ca. 1200 Studierenden in ihr dominantes Domizil an der Erzbergerstraße gezogen. Mitte 2003 kam noch ein Erweiterungsbau hinzu, in dem auch diverse Dienstleistungsunternehmen angesiedelt sind.
In einem beschränkten Architekturwettbewerb sollten Konzepte für die Umgestaltung der amerikanischen Wohnsiedlung entwickelt werden. Der schließlich weitgehend umgesetzte Entwurf des Preisträgers sah neben einer umfassenden Modernisierung des vorhandenen Wohnbestands mit 864 Wohnungen die Schaffung von etwa ebenso vielen zusätzlichen Wohnungen in Form von Aufstockungen, Anbauten und einigen Neubauten vor, wobei der Charakter der Siedlung erhalten bleiben sollte. Die amerikanischen Straßennamen wurden weitgehend „eingedeutscht“ (aus „Avenue“ wurde z.B. „Allee“), einige kleinere Straßen wurden anderen zugeschlagen. Nachfolgend werden durchgängig die neuen Namen verwendet.
Die bis etwa 2003 andauernde Konversion lag überwiegend in den Händen der VOLKS-WOHNUNG, die den größeren Teil des Areals vom Bundesvermögensamt übernahm. Deren allererste Mieter waren bereits Ende 1995 im Kanalweg eingezogen. Nur einige Blocks im südlichen Teil der Tennesseeallee verblieben im Besitz des Bundes. Teilweise wurden sie in Studentenwohnheime umgewandelt, die restlichen bilden einen bundeseigenen Wohnungsbestand und die zuständige Behörde, die heutige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, zog gleich mit dort ein in die Hausnummer 2. Die ehemaligen Offiziershäuser in der Kentuckyallee und am Louisianaring waren vom Bund direkt an die neuen Eigentümer (ausschließlich Familien) veräußert worden. Pläne, einige der Doppelhäuser parallel zur Linkenheimer Landstraße abzureißen und an ihrer Stelle riegelförmige Wohnblocks zu errichten, waren nach Protesten schnell wieder auf Eis gelegt worden.
Einen herben Rückschlag erlebte die Entwicklung des neuen Gebiets durch die notwendig werdende Sanierung der stark mit Schadstoffen belasteten Parkettböden in den Bestands-wohnungen, die in den Jahren 2000 bis 2002 durchgezogen wurde. Der dafür notwendige zeitlich versetzte Umzug der Bewohner und Bewohnerinnen in bereit gestellte Übergangswohnungen in den neuen Anbauten der Wohnblocks war eine starke logistische Leistung der VOLKSWOHNUNG. Einige „Offiziershäusler“ standen die Sanierung in angemieteten Bundeswohnungen oder auch schon mal im eigenen Wohnwagen im Garten durch.
Die großteils ausgezeichnete Infrastruktur der Amerikaner wurde den Bedürfnissen der neuen Stadtteilbewohner angepasdt. Die ehemalige Highschool diente zunächst den Schülern des Gymnasiums Neureut als Ausweichquartier während der Sanierung ihres Schulzentrums, bevor sie an das private Heisenberg-Gymnasium veräußert wurde. In der benachbarten Elemantary School wurde anfangs eine überschaubare Schar von Erst- bis Viertklässlern jahrgangsübergreifend unterrichtet. Aber schon bald füllten sich die Klassenzimmer und ab 1997 hieß die neue Grund- und Hauptschule „Marylandschule“. Später wurde der Hauptschulzweig abgetrennt, dazu kamen ein Ganztages- und ein Montessorizug. Diese Neuerungen erforderten 2009 schließlich sogar einen Ergänzungsbau. In diversen anderen Gebäuden des Schulgeländes fanden ein städtischer Schülerhort (der ebenfalls 2009 um einen Anbau erweitert wurde), das Montessori-Kinderhaus und der Gehör-Geschädigten-Kindergarten ihren Platz. Die Stadt übernahm auch den relativ neuen Bau am Ende der Kentuckyallee für eine Kindertagesstätte mit neun Gruppen.
Eine wichtige Einrichtung für die Nordstadt mit ihrer hohen Anzahl an Bewohnern unter 18 Jahren wurde im Mai 1998 eröffnet: das Kinder- und Jugendhaus „NCO-Club“ im ehemaligen Treffpunkt der Non Comissioned Officers. Der große Saal bot die Möglichkeit, neben Konzerten und anderen kulturellen Events dort Bürgerversammlungen, Workshops u. ä. abzuhalten. In der dazu gehörigen Wellblechhalle wurden Klettern und Akrobatik geübt. Daneben wurde ein Skaterplatz angelegt und mittlerweile gibt es auch einen Schülerhort für ältere Schüler dort. Die Kirche an der Erzbergerstraße wurde zunächst als ökumenisches Gemeindezentrum Maria Magdalena genutzt, 2012 jedoch an die Serbisch-Orthodoxe Gemeinde Karlsruhe veräußert, die mittlerweile ein echtes Schmuckstück daraus gemacht hat.
Eine Umnutzung erfuhren auch andere Gebäude im C-Areal westlich: Das ehemalige PX-Center diente auch weiterhin der Nahversorgung. Neben einem Supermarkt mit zuletzt speziellem Angebot an osteuropäischen Lebensmitteln, einigen kleineren Läden und einer Poststelle etablierte sich im Nebengebäude ein Tierfutter/-zubehör-Geschäft. Wo schon die Amerikaner Sport betrieben, eröffnete ein Fitness-Studio mit Ballettschule, die ehemalige Tankstelle wurde zur Kfz-Werkstatt ausgebaut. Die US-Kantine wurde unter Leitung des bisherigen Pächters zur öffentlichen Gaststätte, ein Physiostudio, ein Fahrradhändler, eine Schreinerei sowie diverse andere Dienstleistungen und Betriebe siedelten sich an.
In der ambulanten Klinik der Amerikaner im westlichen Bereich der Erzbergerstraße kamen u. a. eine Arztpraxis (sie befindet sich mittlerweile im Neubau beim Flughafenensemble), eine Psychologie- und eine Heilpraktiker/Osteopathiepraxis sowie eine Schule für modernen Tanz und zeitweilig einige kleinere Unternehmen unter. Außerdem zog 1999 die FASKA (Freie Aktive Schule Karlsruhe e.V.) dort ein, die zunächst eine Zulassung als Grundschule, später auch Werkrealschule hatte. Im gleichen Gebäude waren auch die Räume des 2000 als Elterninitiative gegründeten Feien Aktiven Kindergartens, der wiederum 2014 um eine Krippengruppe ergänzt wurde.
Auch eine freikirchliche Gemeinde, das KSC-Fanprojekt und eine Initiative, die Musikern Proberäume bot und Konzerte veranstaltete, fanden auf dem Gelände eine (befristete) Heimat. Ein schon von der US-Armee als Gästehaus genutztes Gebäude diente zeitweilig als Unterkunft für Flüchtlinge. Einige Gebäude fielen allerdings recht bald der Abrissbirne zum Opfer, so das „Minute Man“ gegenüber des PX, die benachbarte Bowlinghalle, Offiziersclub an der Michiganstraße und die Infrastruktur des Alten Flugplatzes.
Nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte erklärte das Bundesministerium für Verteidigung die militärische Nutzung für das gesamte Areal des Alten Flugplatzes offiziell für beendet. Im April 1997 wurde auf der Basis eines Gemeinderatsbeschlusses von 1991 ein europaweiter städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben. Entlang der bisherigen Bebauungsränder der Nordweststadt und der Nordstadt sollten rund 1700 Wohnungen sowie Gewerbeflächen entstehen. Das Verfahren ruhte jedoch, da der BUND eine Beschwerde wegen Missachtung der Flora-Fauna-Habitatrichtlinie der EU in Brüssel eingereicht hatte. Aufgrund der jahrzehntelangen Nichtnutzung konnten sich einzigartige Sand- und Magerrasen sowie Blühstandorte als Lebensraum für zahlreiche Vogel- und Falterarten entwickeln. Das zuständige Ministerium in Stuttgart musste schließlich einräumen, dass die Kriterien für das europäische Konzept Natura 2000 erfüllt seien. Schließlich regelte die Stadt 2003 für rund 69 Hektar die Nutzung mit einer Allgemeinverfügung. 2010 wurde diese Fläche durch das Regierungspräsidium Karlsruhe als Naturschutzgebiet ausgewiesen. seit 2018 ist es zusätzlich europäisches Schutzgebiet.
Der Stadtteil wächst
1997 wurde zwischen der neu gegründeten MiKa (MieterInneninitiative Karlsruhe Wohnungsbau-genossenschaft eG) und der VOLKSWOHNUNG für vier der ehemaligen Kasernengebäude der Smiley Barracks nördlich des Kanalwegs zunächst ein Nutzungs-, später auch ein Erbbaurechtsvertrag abgeschlossen. Die künftigen Bewohner und Bewohnerinnen waren an der Planung ihrer Wohnungen beteiligt und haben ihre Wünsche nach Gärten, Spielmöglichkeiten und vielem anderen in den Außenanlagen verwirklicht. Innerhalb von zwei Jahren entstanden so durch einen kostengünstigen und Ressourcen schonenden Umbau sozial gebundene Wohnungen, in denen damals rund 150 Erwachsene und 80 Kinder in verschiedenen Lebensformen gemeinschaftsorientiert zusammen lebten.
Ein weiteres ehemaliges Kasernengebäude wurde 1998/99 vom Paritätischen Wohlfahrtsverband barrierefrei in eine Gesundheits- und Begegnungsstätte umgebaut, das Hardtwaldzentrum. Dort betreibt der Paritätische seine Geschäftsstelle Karlsruhe sowie verschiedene Sozialdienste (Mobile Pflege mit Haushaltshilfenvermittlung, Essen auf Rädern, Wohnberatung, Selbsthilfebüro, Freiwilligendienst u. mehr). sowie die Melitta-Schöpf-Bildungsstätte. Im selben Haus befinden sich auch eine zahnärztliche Gemeinschaftspraxis sowie Einrichtungen/Büros der Reha-Südwest. Nebenan zogen noch ein Standort der Bundesnetzagentur, eine zweite Kindertagesstätte des Paritätischen sowie ein städtischer Schülerhort ein.
Aber auch in der Hardtwaldsiedlung entstand Neues: Die Siedlungsgenossenschaft und die VOLKSWOHNUNG errichteten ab 1998 an der Grenadier- und der Franz-Lust-Straße mehrere Mehrfamilienblocks mit insgesamt rd. 220 Mietwohnungen. An der verlängerten Friedrich-Blos-Straße wurden zunächst ab 1998 einige Ein- und Mehrfamilienhäuser realisiert, bevor auf dem Gelände südlich davon bis zur Knielinger Allee eine Reihenhaussiedlung entstand. Im Vorfeld hatten sich die „alten“ Hardtwaldsiedler zusammen mit dem Bürgerverein dafür stark gemacht, dass der vorhandene Bolzplatz, die „Franzosenwiese“ erhalten blieb. Das bedeutete einige Häuschen weniger, bot aber aber sowohl für die Angrenzerkinder als auch für die über 100 Kinder, die schließlich 2004 die nunmehr 45 Reihenhäuser bezogen, genügend Freiraum.
Im Jahr 2001 erhält die MiKa einen Erbbaurechtsvertrag für den Kopfbau des Kasernenensembles am Kanalweg, und konnte ihn somit zu einem barrierefreien Kultur- und Gemeinschaftshaus umbauen, das vom Verein „Kulturhaus mikado e. V.“ betrieben wird. Er beherbergt nun eine Gaststätte mit Biergarten, Multifunktionsräume für die sozialen und kulturellen Aktivitäten von mikado, die Geschäftsräume der MiKa, eine Heilpraktiker-Gemeinschaftspraxis und eine Praxis für Psychotherapie. Die Amerikanische Bibliothek blieb als städtische Einrichtung an ihrem angestammten Platz im 1. OG. Im Juni 2005 konnte die MiKa schließlich die vier Wohngebäude und das Kultur- und Gemeinschaftshaus erwerben.
Für das angrenzende Gelände beschloss im Januar 2001 der Gemeinderat den Abbruch der dortigen Gebäude und die Aufstellung eines Bebauungsplans für die Modellsiedlung „Nördlich des Kanalwegs West“ (besser bekannt als „Smiley West“). Die VOLKSWOHNUNG als Bauträgerin, die BauWohnberatung Karlsruhe, die Wüstenrot-Stiftung und die Stadt Karlsruhe entwickelten gemeinsam mit den Bauinteressenten die Grundsätze für die Bebauung mit ca. 190 Wohneinheiten in Einfamilien, Doppel- und Reihenhäusern und Geschosswohnungen. Teilweise wurden die Neubauten im Energiespar- und Passivhausstandard hergestellt. Besonderheiten der Siedlung sind die weitgehende Autofreiheit (die Parkplätze befinden sich größtenteils am Rand), die durchgehende Regenwasserversickerung, teilweise Dachbegrünung, in Einzelfällen auch Regenwassernutzung sowie die Schonung der vorhandenen Vegetation. Das Projekt wurde 2006 abgeschlossen.
In den Jahren 2000 – 2003 wurden in der Ami-Siedlung zwei Baulücken im Kanalweg und der nördlichen Rhode-Island-Allee mit Wohnblocks ergänzt. In der Tennesseeallee wurde neben zwei Tiefgaragen ein neuer Block mit Ladenzeile gebaut, in ihm fanden neben ein paar kurzlebigen Geschäften ein türkischer Schnellimbiss, Bäckerei, Friseur, Schreibwaren, später ein Fahrradgeschäft und zuletzt eine Eisdiele ihren Platz. Zunächst zog auch der Polizeiposten Nordstadt mit ein, der leider 6 Jahre später bereits wieder geschlossen wurde.
2001 wurde ein Bebauungsplan für das Gewerbegebiet zwischen MiKa und Linkenheimer Landstraße aufgestellt, dort entstanden in den folgenden Jahren ein Fitnesscenter, eine Praxisklinik, ein Hotel sowie diverse Bürogebäude. Ende 2011 wurde die Bebauung der Ohiostraße durch die berufsbildende Carlo-Schmid-Schule, im Juni 2012 durch das Gemeindezentrum mit Kirche der Evangelischen Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) und 2013 schließlich noch durch ein Firmengebäude mit Einkaufsmarkt, Bäckereifiliale und griechischem Lebensmittelhändler ergänzt.
Der 27. Mai 2006 schließlich war ein sehr wichtiger Tag für die gesamte Nordstadt: Sie wurde durch die Eröffnung der damaligen Straßenbahnlinie 3 Hauptbahnhof Nordstadt – Neureut-Heide an das Karlsruher Straßenbahnnetz angeschlossen. Vor Baubeginn gab es einen langwierigen Abstimmungs- und Abwägungsprozess mit einem zeitweise leidenschaftlich geführten Meinungsaustausch zwischen Befürwortern und Gegnern, aber mittlerweile haben sich wohl alle mit der Verbindung ausgesöhnt. Nach dem Bau der U-Strab wurde diese Verbindung zur Linie 1 mit Durlach als Endstation, zum Hbf muss nun einmal umgestiegen werden.
Im August 2007 wurde das neue Schulgebäude der Merkur Akademie International an der Erzbergerstraße bezogen. Es beherbergt eine Ganztages-Realschule und Klassen eines beruflichen Gymnasiums, verfügt über Sporthalle und -felder. Zu Beginn des Schuljahres 2012/13 wurde der Erweiterungsbau mit einer zweiten Sporthalle fertig gestellt.
An Stelle des Offiziersclub der Amerikaner an der Michiganstraße / Rhode-Island-Allee wurde im Mai 2008 die FächerResidenz, eine Seniorenresidenz des Vereins Wohnstift Karlsruhe e.V. feierlich eröffnet. Die über 180 Apartments mit modernster Ausstattung sind für einen gehobenen Lebensstandard konzipiert. Die Residenz verfügt über einen Wellness-Bereich mit einer auch der Öffentlichkeit zugänglichen Sauna sowie Gymnastik- und Fitnessräumen. Ein Surfpoint, ein Medienraum mit Flügel, Gästezimmer und Räume für private Feierlichkeiten runden das Angebot ab. Für Menschen, die nicht mehr selbständig leben können, steht ein eigener Flügel mit Pflegeplätzen zur Verfügung, davon einige für an Demenz Erkrankte.
Zukunft Nord
Nach dem 2014 das C-Areals westlich der Erzbergerstraße an einen Investor verkauft wurde, ging aus einem städtebaulichen Ideenwettbewerb die Rahmenplanung für das Entwicklungsquartier Zukunft Nord hervor. Der Bebauungsplan „Westlich der Erzbergerstraße zwischen New-York-Straße und Lilienthalstraße“ sieht eine gemischte Nutzung mit Wohngebieten, Gewerbe und Gemeinbedarfsflächen vor. Integriert wurde der NCO-Club, der auch künftig als Kinder- und Jugendhaus an seinem Standort verbleiben soll, allerdings ohne Skaterplatz und Wellblechhalle. Nach dem Auszug der Mieter verwandelten im Oktober 2021 rund 90 Sprayer und Street-Art-Künstler die Gebäude zu einer großartigen temporären Graffiti-Ausstellung. 2022 wurde dann mit dem Abriss begonnen, besonders spektakulär war das „Fällen“ des markanten alten Funkturms, Lediglich der Gebäudekomplex, in dem bis Ende 2024 noch der Supermarkt in Betrieb war, steht noch, soll nun aber in 2026 ebenfalls dem Erdboden gleich gemacht werden.
Die Stadt hat 2025 für vom Land erworbene Grundstücke im Süden des Gebiets ein Konzeptvergabeverfahren gestartet, das sich ausdrücklich an gemeinwohlorientierte Baugruppen richtet. Die Grundstücke sollen im Erbbaurecht vergeben werden. Gemeinsam mit der Stadt sollen nun ausgewählte Gruppen in einem Werkstattverfahren ihre Konzepte weiter entwickeln. Damit knüpft die Entwicklung an etwas an, das die Nordstadt seit langem auszeichnet: Stadtentwicklung auch als soziale und nachbarschaftliche Gestaltungsaufgabe zu betrachten.
Wann und wie es auf den im Besitz mittlerweile mehrerer Investorengesellschaften konkret mit den Bebauungsabsichten weitergeht, steht allerdings derzeit noch in den Sternen. Nicht abgeschlossen ist auch die Suche nach einem künftigen Spielfeld der „Karlsruhe Cougars“, das nach den Planungen nicht mehr Teil der Nordstadt sein soll. Die ursprünglich vorgesehene „Interimsschule“ (in der die gesamte Belegschaft aus Schulen, die in den kommenden Jahrzehnten saniert werden, unterkommen sollte), wurde leider bereits aus Kostengründen gestrichen, Durch eine multifunktionale Nutzung durch Vereine, Institutionen und andere Gruppen hätte sie eine wichtige Funktion für die Nordstadt darstellen können.
30 Jahre sind vorbei
Neben der baulichen Entwicklung hat sich in den Jahren ihres Bestehens in der Nordstadt auch viel Gemeinschaftliches und Soziales ausgebildet. Bereits am 18. Oktober 1996 wurde der Bürgerverein Nordstadt e.V. gegründet. Die Stadt Karlsruhe und das Sozialministerium Baden-Württemberg hatten für 5 Jahre ein Modellprojekt „Bürgerschaftliches Engagement (BE) Nordstadt“ vereinbart, in dem sich der BVN stark engagierte. Manche Einrichtungen aus der Aufbruchszeit, ein Wochenmarkt oder ein wöchentlicher Kaffeetreff haben sich leider nicht gehalten. Anderes lebte länger weiter wie z. B. mehr oder weniger regelmäßige Stadtteilkonferenzen oder der vom Bürgerverein in 2-jährigem Rhythmus stattfindende Stadtteiltag, Diese traditionelle Veranstaltung endete leider 2020 zwangsweise durch Corona und wurde danach mangels fehlender Mitorganisatoren nicht wieder aufgenommen. Noch immer sehr lebendig ist die Nordstadt-Zeitung, deren erste Ausgabe im April 1997 als Faltblatt erschien. Seitdem erscheint sie 4 x im Jahr und hat aktuell (Stand Juli 2026) die 116. Auflage erreicht. Die Erstellung (ohne Druck) und Verteilung erfolgt komplett durch ehrenamtliches Engagement.
Quellen:
- 60 Jahre Herz-Jesu-Kirche, Hrsg.: Pfarrei Herz-Jesu, Karlsruhe, 1985
- Bauen und wohnen- 75 Jahre Hardtwaldsiedlung Karlsruhe, Hrg.: Hardtwaldsiedlung Karlsruhe e. G. , 1994
- Jürgen Schuhladen-Krämer: Überblick zum Werden des jüngsten Karlsruher Stadtteils, veröffentlicht in der Nordstadt-Zeitung Ausgabe 26, Dezember 2003 und 27, März 2004, Hrg. Bürgerverein Nordstadt e. V.,
- Christian Lutz: Die amerikanischen Streitkräfte in Karlsruhe. o.O., o.J. [1996/97]
- Stadtwiki
- http://www.peter-hartleb.de/Exkursionen/Karlsruhe/Nordstadt1.html
- Lothar Dunker †: Chronologie der Bautätigkeit auf dem Gebiet der heutigen Karlsruher Nordstadt
- Karlsruher Chronik, Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs, Band 14, Badenia Verlag, Karlsruhe, 1992
- Amtsblatt der Stadt Karlsruhe
- Badische Neueste Nachrichten