Die Straßen im Süden

Der südliche Teil der Nordstadt wird umrissen von der Franz-Lust-Straße im Westen, der Lilienthalstraße und der Michiganstraße im Norden, dem Adenauerring im Osten sowie von der Moltkestraße im Süden. Es handelt sich hierbei um das älteste Siedlungsgebiet der Nordstadt, geprägt von den ehemaligen Militärbauten an der Moltkestraße und von der Hardtwaldsiedlung. Mit Ausnahme der Lilienthalstraße sind alle hier genannten Straßen bereits in Teil 1 oder 2 dieser Serie besprochen worden.

Von Ost nach West durchzogen wird das Gebiet von einem deutlich auszumachenden Schlossstrahl, nämlich der Knielinger Allee sowie von der Michiganstraße und der Alfons-Fischer-Allee, die, zusammen mit der Willy-Andreas-Allee, einen weiteren Schlossstrahl bilden (siehe Teil 1).

Parallel zur Moltkestraße trifft man auf der Rückseite der heute von Behörden genutzten Militärbauten auf die Grenadierstraße. Diese Straße wurde 1911 nach dem von 1803 bis 1945 in Karlsruhe bestehenden Grenadierregiment benannt.

Ebenfalls in Ost-West-Richtung verlaufend zieht die Friedrich-Blos-Straße von der Erzbergerstraße bis zur Kleingartenanlage „Exerzierplatz e.V.“ durch die Mitte der Hardtwaldsiedlung. Friedrich Blos (* 8.6.1853 Karlsruhe, † 8.1.1920 Karlsruhe) führte ein angesehenes Kaufhaus in Karlsruhe. Er war seit 1908 Stadtrat und leitete zahlreiche städtische Kommissionen. Noch in seinem Todesjahr wurde die Straße beim Aufbau der Hardtwaldsiedlung nach ihm benannt.

Im Westen der Siedlung beginnen die im Wesentlichen von Süden nach Norden verlaufenden Straßenzüge mit der Gustav-Binz-Straße, zwischen Grenadierstraße und Knielinger Allee. Sie hieß ursprünglich Löcherschlagstraße (seit 1921) und wurde 1931 auf Wunsch der Anwohner umbenannt. Gustav Binz (* 9.2.1849 Mahlberg bei Lahr, † 6.11.1937 Achern) war vier Jahrzehnte lang als angesehener Anwalt in Karlsruhe tätig. 1912 war er Mitbegründer und danach Leiter des Karlsruher Jugendbildungsvereins. Es folgen die Freydorfstraße (1891) zwischen Moltke- und Grenadierstraße und die Damaschkestraße (1925), die an der Grenadierstraße beginnt und am Alten Flugplatz in der Nähe des Ikarusplatzes endet. Karl Wilhelm Eugen von Freydorf (* 3.2.1781 Karlsruhe, † 25.7.1854 Karlsruhe), Sohn des Markgrafen Christoph von Baden aus dessen morganatischer (nicht standesgemäßer) Ehe mit Katharina Höllischer, war zunächst aktiver Offizier. Nach einer schweren Verwundung wurde er in der Militärverwaltung eingesetzt und war schließlich von 1833 bis 1848 Kriegsminister Badens. Adolf Wilhelm Ferdinand Damaschke (* 24.11.1865 Berlin, † 30.7.1935 Berlin) fand nach kurzer Tätigkeit als Volksschullehrer sein Lebensthema in der Bodenreform. Er versuchte seine Einsichten auch in der Praxis umzusetzen und gründete Siedlungsgesellschaften und Mietgenossenschaften. Seinen politischen Anhängern gelang es 1920 das Reichsheimstättengesetz durchzubringen. Auch die Hardtwaldsiedlung fußt auf wesentlichen Elementen der von Damaschke entwickelten Konzepte.

Das „Herz“ der Siedlung im Hardtwald ist der Waldring südlich der Knielinger Allee. Mit dem Doppel-Halbkreis des Waldrings und den von der Knielinger Allee nach Norden abgehenden, annähernd parallel verlaufenden Straßen, der Karl-Schrempp-Straße und der Friedrich-Wolff-Straße, schenkten die Stadtplaner und Architekten Pfeifer & Großmann der 1919 genehmigten Hardtwaldsiedlung eine städtebaulich unverwechselbare Besonderheit. Die 1921 erfolgte Namensgebung für den Waldring erklärt sich unmittelbar aus der Örtlichkeit. Sowohl die Karl-Schrempp-Straße (1920) als auch die Friedrich-Wolff-Straße (1920) sind nach Ehrenbürgern der Stadt Karlsruhe benannt. Beide Straßen, durch platzartige Aufweitungen unterbrochen, enden an der Alfons-Fischer-Allee. Karl Schrempp (* 26.2.1846 Oberkirch, † 4.4.1919 Baden-Baden) übernahm in jungen Jahren eine kleine Karlsruher Brauerei und entwickelte sie zu einem blühenden Unternehmen. Er machte zahlreiche soziale Stiftungen. Friedrich Wolff (* 15.2. 1833 Karlsruhe, † 17.6.1920 Karlsruhe) gründete zusammen mit seinem Vater die Parfümerie- und Seifenfabrik Wolff & Sohn und stiftete ebenso wie Karl Schrempp zahlreiche wohltätige Einrichtungen. Die beiden heute nicht mehr existierenden Firmennamen haben im Gedächtnis der älteren Karlsruher sicher einen guten Klang!

Östlich des Waldrings mündet die von der Moltkestraße her kommende Roggenbachstraße in die Knielinger Allee. Sie wurde 1891 nach Franz Xaver August Freiherr von Roggenbach (* 20.2.1798 Schopfheim, † 7.4.1854 Karlsruhe) benannt. Nach der badischen Revolution 1848/49 baute er als Kriegsminister die badische Armee nach preußischem Vorbild neu auf.

Zwischen Erzbergerstraße und Adenauerring zweigt von der Michiganstraße nach Süden eine kurze Sackgasse ab, die Von-Beck-Straße. Sie wurde 1957 nach Bernhard von Beck (* 23.9.1863 Freiburg, † 29.12.1930 Karlsruhe) benannt. Beck wurde 1897 zum Chefarzt der chirurgischen Abteilung an das städtische Krankenhaus berufen. Ein Jahr später wurde er dessen Direktor. Er war der eigentliche Planer der Krankenhausanlage an der Moltkestraße.

Ein recht verstecktes Dasein führt der Ikarusplatz, der sich aus der Überschneidung der Friedrich-Wolff-Straße, der Lilienthalstraße und der Alfons-Fischer-Allee am Rande des Alten Flugplatzes ergibt. Obwohl in den amtlichen Plänen verzeichnet, findet sich in der Örtlichkeit kein Hinweis. Der unscheinbare Platz wurde 1950 nach der griechischen Sagengestalt Ikaros benannt. Dieser floh mit seinem Vater Daidalos auf selbst gefertigten Flügeln aus der Gefangenschaft auf der Insel Kreta. Der übermütige Ikaros kam der Sonne zu nahe, sodass das Wachs seiner Flügel schmolz und er ins Meer stürzte.

Vom Ikarusplatz aus geht die Lilienthalstraße am Rande des Alten Flugplatzes entlang nach Norden zur Erzbergerstraße. Sie wurde 1950 nach dem Flugpionier Karl Wilhelm Otto Lilienthal (* 23.5.1848 Anklam, † (abgestürzt) 10.8.1896 Berlin) benannt. Seine vom Vogelflug abgeleiteten Ideen und Experimente brachten das Flugwesen entscheidend voran. Sein Flugprinzip war das des heutigen Hängegleiters.

Parallel zur Erzbergerstraße, eingehängt in die Lilienthalstraße und die Alfons-Fischer-Allee, liegt der August-Euler-Weg – von 1950 bis 1976 als Eulerweg verzeichnet. August Heinrich Euler (* 20.11.1868 Oelde, † 1.7.1957 Feldberg/Schwarzwald) kann ebenfalls als Pionier des Flugwesens bezeichnet werden. Er erhielt am 1. Februar 1910 des Flugzeugführerpatent „Deutschland Nr.1“. Nach dem 1. Weltkrieg leitete er das neu gegründete Reichsluftfahrtamt.

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