Die Schlossstrahlen

Die Moltkestraße mit den beiden mächtigen, den Straßenzug dominierenden ehemaligen Militärgebäuden, bildet im Süden zwischen Reinhold-Frank-Straße/Adenauerring und Blücherstraße/Franz-Lust-Straße die Grenze zwischen der Nordstadt und der Weststadt. Diese Straße ist in den Plänen des 18. und 19. Jahrhunderts als „Mühlburger Allee“ eingetragen. Sie wurde im Jahr 1888 nach Helmuth Graf von Moltke (* 26.10.1800 in Parchim, † 24.4.1891 in Berlin) benannt. Von 1858 bis 1888 war v. Moltke Chef des preußischen Generalstabs. Heute erinnert die Stadt Karlsruhe mit der Namensgebung auch an Helmuth James Graf von Moltke (* 11.3.1907 in Kreisau, † (hingerichtet) 23.1.1945 in Berlin Plötzensee). Während des 2. Weltkriegs war v. Moltke als Jurist im Oberkommando der Wehrmacht tätig und nutzte seine Stellung zunächst zum individuellen Widerstand gegen das NS-Regime. Später sammelte er auf seinen Gut Hitler-Gegner aus verschiedenen politischen Lagern um sich („Kreisauer Kreis“).

Die im Mittelteil von ausladenden Eichen gesäumte Knielinger Allee ist in unserem Stadtteil, zwischen Adenauerring und Franz-Lust-Straße, in ihrem ursprünglichen Verlauf vollständig erhalten. Die auf die ehemals selbstständige Gemeinde Knielingen verweisende Bezeichnung stammt aus der Gründungszeit Karlsruhes und wurde 1921 nach dem Ausbau der Allee zur Straße (Baugenossenschaft Hardtwaldsiedlung) offiziell so festgeschrieben. Zwischen der Erzbergerstraße und dem Adenauerring steht seit 1971 die (neue) Synagoge der jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe.

Im Uhrzeigersinn weiter folgt die ehemalige Stangenackerallee, die nach erfolgtem Ausbau 1921 (s. o.) den Namen Dunkelallee erhielt. Als 1953 das die südliche Begrenzung der Amerikanersiedlung (Paul Revere Village) bildende Teilstück der Dunkelallee zwischen dem Parkring (heute Adenauerring) und der Erzbergerstraße in Michiganstraße (nicht Michigan Street) umbenannt wurde, war dies ein erster Schritt in die – aus Sicht des Verfassers – bedauernswerte „Zerstückelung“ historischer Grundlinien der Stadt Karlsruhe. Mit einer schwer nachvollziehbaren Fortsetzung in jüngster Zeit, wie noch gezeigt werden wird. Die Namensgebung erfolgte im Übrigen zu Ehren einer Studienkommission aus dem US-Bundesstaat Michigan, die seinerzeit ausschließlich der Fächerstadt (!) Karlsruhe einen Besuch abstattete.

Ab der Erzbergerstraße verlängert die Alfons-Fischer-Allee die Michiganstraße nach Westen und trifft am Alten Flugplatz auf den Ikarusplatz. Dieses Teilstück der ehemaligen Dunkelallee wurde 1964 nach dem Mediziner Dr. Alfons Fischer (* 12.12.1873 in Posen, † 18.05.1936 in Karlsruhe) benannt. Fischer war Mitbegründer und Geschäftsführer der „Badischen Gesellschaft für soziale Hygiene“. Deren Hauptanliegen war das Aufdecken und Bewusstmachen von Gesundheitsgefährdungen aufgrund bestimmter Lebens- und Arbeitsbedingungen. Der östliche Anschluss an die Michiganstraße heißt seit 1964 Willy-Andreas-Allee.

Nahezu untergegangen ist die Binsenschlauchallee. Sie reicht gerade eben noch ab dem Adenauerring mit einem „Trampelpfad“ in die Nordstadt hinein. Der Binsenschlauch war im 18. und 19. Jahrhundert ein mit Binsen bewachsener Abzugsgraben im Hardtwald. Zwischen den Gebäuden Nr. 28 und Nr. 36 der Tennesseeallee ist sein Verlauf noch zu erahnen. Die nordöstliche Kante des Gebäudes Nr. 31-35 liegt auf der Achse der ehemaligen Allee. Der Binsenschlauchweg in der Nordweststadt hat keinen geografischen Bezug zur historischen Binsenschlauchallee.

An dieser Stelle sei ein kurzer Einschub gestattet: Die angehenden Architekten Hermann Backhaus und Harro Brosinsky erlangten in der Aufbruchstimmung des Jahres 1949 den Auftrag zum Bau der Siedlung für geplante 5.000 Angehörige des amerikanischen Militärs, die Amerikanersiedlung. Dabei richteten sie links und rechts die Baukörper im südlichen und mittleren Teil der Tennesseeallee wie die Schlossstrahlen radial auf den Schlossturm aus.

Die bereits auf den ältesten Plänen so benannte Welschneureuter Allee ist in unserem Stadtteil in Resten noch vertreten. Sie ist zunächst als „Trampelpfad“ ab dem Adenauerring entlang der südwestlichen Begrenzung der Sportanlagen des FSSV auszumachen und mündet dann in die Zufahrt zur städtischen Kindertagesstätte, Kentuckyallee 120. Zwischen den Gebäuden Tennesseeallee 82-88 und 92-98 ist sie noch als einfach befestigter Gehweg bis zur Tennesseeallee vorhanden. Sie führte früher über den heutigen Alten Flugplatz hinweg (wie auch auf Luftaufnahmen noch zu erkennen ist) und markiert mit der abknickenden Friedrich-Naumann-Straße und der Schweigener Straße in der Nordweststadt die ehemalige Grenzlinie zwischen der Stadt Karlsruhe und der bis 1975 selbstständigen Gemeinde Neureut. War es Absicht, die amerikanische Kapelle (heute „Maria Magdalena“) auf diesem Schlossstrahl zu errichten?

Die Allee ist benannt nach der 1699 gegründeten „Colonie Welschneureut“, südlich der bestehenden Gemeinde Neureut, zur Aufnahme von Glaubensflüchtlingen aus Südfrankreich (Hugenotten) und aus dem Piemont (Waldenser). Anmerkung: „Welsch“ = aus Welschland (Frankreich, Italien oder Spanien) stammend. Zur Unterscheidung wurde das bisherige Neureut von da an „Teutschneureut“ genannt. 1935 wurden beide Ortschaften zur Gemeinde Neureut vereinigt. Für Interessierte: Am Haupteingang zum Friedhof Neureut-Süd steht der „Waldenserstein“ mit einer erläuternden Inschrift.

Nahezu vollständig erhalten oder wiedererstanden in unserem Stadtteil ist die Teutschneureuter Allee. Zunächst als Geh- und Radweg von der Kreuzung Willy-Brandt-Allee/Adenauerring in die Nordstadt hineinführend. Fortgesetzt als Kentucky Avenue (1953), benannt nach dem Bundesstaat Kentucky in den USA. Ohne Rücksicht auf die Bedeutung der Strahlensymbolik wurde 1995 die nach Südwesten abgehende Vermont Avenue (1953) integriert und der gesamte abknickende Straßenzug bis zum Kanalweg in Kentuckyallee umbenannt.

Bei der Konversion der Smiley Barracks wurde die Chance ergriffen, die ehemalige Allee wieder bis zur Straße Am Wald, dem alten Endpunkt, fortzusetzen und sichtbar zu machen. Seit dem Jahr 2002 wirbt die Bauträgerin Volkswohnung mit dem Slogan „Wohnen am Schlossstrahl“. Von allen guten Schlossgeistern verlassen zerstückelten und verringelten die Stadtmütter und -väter im gleichen Jahr ungeachtet des weltweit einmaligen Stadtgrundrisses den „Schlossstrahl“ im Südteil zum Vermontring (!), nach dem US-Bundesstaat Vermont und den Nordteil zum Indianaring (!), nach dem US-Bundesstaat Indiana. Anmerkung: In seinem Gastbeitrag für die BNN vom 27. März 2007 beschreibt Martin Wacker (Pressesprecher der Karlsruher Messe- und Kongress-GmbH und Stadionsprecher des KSC), Nordstadtbewohner in der MiKa, seine Vision für Karlsruhe 2015: “Zunächst sehe ich einen unverwechselbaren Fächergrundriss mit einem Schloss im Mittelpunkt. In der Gegenwart wird diese wunderbare Chance der Alleinstellung nur recht halbherzig genutzt“. Man könnte ergänzen: gelegentlich sogar zerstört!

Jenseits der Willy-Brandt-Allee, im südwestlichen Zipfel des Wildparks, treffen wir auf ein Kuriosum, die Kurze Allee, die in unserem Stadtteil vom Adenauerring bis zum Kanalweg reicht, wo sie bereits endet. Zwischen der Willy-Brandt-Allee und der Kurzen Allee befindet sich der Schießstand der Schützengesellschaft von1721.

Im Uhrzeigersinn folgt die Eggensteiner Allee, benannt nach der ehemals selbstständigen Gemeinde Eggenstein, auf deren Ortsmitte sie etwa hinzielt. Sie führt durch den typischen Hardtwald mit dominierendem Kiefernbestand, stellenweise alten Eichen und weiteren Laubbäumen. Die Allee zählt bis zum Kanalweg zur Nordstadt und endet wenig später an einer Weggabelung am Rosenhof.

Die leicht östlich an Linkenheim vorbei weisende Linkenheimer Allee bildet zwischen dem Adenauerring und der Gemarkungsgrenze zu Neureut (etwa 400 m nördlich des Kanalwegs) die Stadtteilgrenze zwischen Nordstadt und Oststadt. Die Allee endet heute am Pfinz-Entlastungskanal.

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